Wissen zum Schutz der Arten

Die Ökosysteme unseres Planeten schaffen Werte, die jedes Jahr Trilliarden von Dollar ausmachen – eine Erinnerung an die überwältigende Produktivität der Natur und unsere komplette Abhängigkeit davon. Doch dieser Segen findet im Schatten einer Krise statt: Weltweit gehen die Tier- und Pflanzenarten dramatisch zurück. Einige Arten sind bereits ausgestorben, andere stehen kurz davor. In Europa leben heute fast 400 Millionen weniger Vögel als noch vor ein paar Jahrzehnten – ein Verlust von jedem dritten Individuum! In Nordamerika sind es sogar drei Milliarden Vögel weniger. Auch die Vielfalt der Insekten geht zurück. Die älteren unter uns können sich noch daran erinnern: Wann mussten Sie zum Beispiel das letzte Mal die Windschutzscheibe ihres Autos von Insekten säubern?

Die Ursachen für das Sterben der Arten liegen auf der Hand: Zerstörung von Lebensräumen, Umweltgifte, übermäßige Jagd – die Liste ließe sich fortführen. Ist es angesichts all dieser Bedrohungen überhaupt noch möglich, das Artensterben aufzuhalten? Die Antwort lautet „Ja“! Die Instrumente zum Schutz der Biodiversität unseres Planeten sind in Reichweite, aber sie erfordern neue Forschung, technologische Innovation und eine neue Mentalität im Naturschutz.

Glücklicherweise haben wir nicht nur eine Vision, sondern auch die Mittel, diese zu verwirklichen. Eine der vielversprechendsten Entwicklungen im Naturschutz sind winzige elektronische Beobachtungsgeräte, die an Tieren angebracht werden und die Daten zum Verhalten und der Gesundheit des Tiers aufzeichnen. Diese Technik wird die Art und Weise revolutionieren, wie wir Wildtiere schützen können. Wir können damit ihre Wanderungen in Echtzeit verfolgen und sogar vorhersagen, wann ein Tier in Gefahr ist.

Zum Beispiel der Weißstorch: Mit den mobilen Datensendern haben Forschende aufgedeckt, dass Stromschläge an Überlandleitungen eine der Hauptursachen für den Tod der Vögel sind. Durch eine einfache Maßnahme – den Austausch von Isolatoren – konnte die Zahl der Todesfälle deutlich gesenkt werden, und durch diese und andere Innovationen erholen sich die Storchenpopulationen in ganz Europa. Auf ähnliche Weise haben wir im Krüger-Nationalpark in Südafrika die Bewegungen von Wildhunden verfolgt. So können wir jetzt die Ranger des Parks sofort benachrichtigen, wenn ein Tier in eine von Wilderern gelegte Drahtschlinge geraten war. Unser Max-Planck-Partner Louis von Schalkwyk hat so in den vergangenen zwei Jahren 45 Wildhunde aus Schlingen befreit und damit ihr Leben gerettet – das sind etwa zehn Prozent der gesamten Population im Krüger-Nationalpark.

Im südlichen Afrika, wo Wilderer jedes Jahr mehrere Tausend Nashörner töten, statten wir Impalas, Zebras, Giraffen und Elefanten mit winzigen Ohrmarken aus, die ihr Bewegungsprofil aufzeichnen. Mit ihren unzähligen Augen, Nasen und Ohren vor Ort sind die Tiere ein Frühwarnsystem vor Wilderern: Wenn Wilderer unterwegs sind und sich die umgebende Tierwelt ungewöhnlich verhält, könnten Ranger eingreifen, bevor es den Nashörnern selbst an den Kragen geht.

KI steigert die Vorhersagekraft weiter. Unser Institut testet zum Beispiel ein Katzenhalsband mit einem integrierten Beschleunigungsmesser. Dank künstlicher Intelligenz erkennt es Anzeichen von Jagdverhalten und löst den Alarmruf einer Amsel aus, der die Vögel vor der Katze warnt. Schätzungen zufolge werden in Europa jedes Jahr 100 Millionen Singvögel von Hauskatzen getötet. Das Halsband könnte zum Schutz von Singvögeln beitragen.

Obwohl mobile Datensender für Wildtiere und Ökosystem-Modelle zur Umweltqualität für Tierarten zunächst nur für die Wissenschaft entwickelt wurden, könnten sie sich in vielen Bereichen zu einem entscheidenden Faktor für den Naturschutz entwickeln. Das liegt daran, dass diese Technologien dazu beitragen können, die Menschheit wieder mit der Natur zu verbinden. Dies ist notwendig, wenn der globale Naturschutz im 21. Jahrhundert erfolgreich sein soll.

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