Gabelschwanzmöwen – Jäger auf hoher See

Wissenschaftler erforschen auf Galapagos das nächtliche Jagd- und Kommunikationsverhalten der Vögel  

16. Juni 2026

Auf den Punkt gebracht

  • Forschende statten Gabelschwanzmöwen auf den Galapagosinseln mit Sendern aus und zeichnen die Bewegungen der Vögel und die Geräusche in ihrer Umgebung auf. Auf diese Weise wollen sie herausfinden, wo die Vögel jagen und wie sie mit Lauten miteinander kommunizieren.
  • Die Flugdaten zeigen, dass die Vögel gegen die Windrichtung zu ihren Hunderte Kilometer weit vor der Küste entfernten Jagdgründen fliegen. Die Vögel nutzen dabei thermische Aufwinde über dem Ozean und sparen so Energie.
  • Wegen des Klimawandels immer häufiger und abrupter auftretende El-Niño-Ereignisse bedrohen das Überleben der Gabelschwanzmöwen. Außerdem geraten die Vögel in einen Konflikt mit Fischereiflotten, wenn sie die geschützte Zone um die Inseln verlassen.
  • Temporär ausgewiesene Schutzzonen um die Jagdgebiete könnten Schutzmaßnahmen zeitlich und räumlich flexibel an die Bedürfnisse der Möwen anpassen.

Text: Emma Lehmkuhl

Die Galapagosinseln sind bekannt für ihre einzigartigen Tier- und Pflanzenarten. Viele gibt es nur auf diesem winzigen Archipel inmitten des Pazifik. Eine dieser außergewöhnlichen Arten untersuchen Sebastián Cruz und Kamran Safi vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell: eine Möwe, die nachts jagt wie eine Eule, lichtempfindliche Augen besitzt wie eine Katze und kreist wie ein Adler. Die Erkenntnisse der beiden Forscher sollen helfen, die seltenen Gabelschwanzmöwen künftig effektiver schützen zu können.

Auf Española, einer der über hundert Inseln des Galapagos-Archipels, leben eigentlich keine Menschen. Die rauen Klippen gehören den Meerechsen, Seelöwen und Möwen. Im Winter 2024 klettern dennoch zwei Männer die Klippen entlang. Vorsichtig bahnen sich Sebastián Cruz und Kamran Safi ihren Weg durch eine Kolonie laut schnatternder Gabelschwanzmöwen. Unter den Tausenden Vögeln suchen sie einen ganz bestimmten: Er trägt einen Sender mit wertvollen Daten auf dem Rücken.

Leben auf hoher See

Gabelschwanzmöwen kommen zum Brüten auf die Galapagosinseln, die übrige Zeit des Jahres leben sie wie Albatrosse auf offener See. Sie sind die einzige Möwenart, die auf dem Meer und ausschließlich nachts ihre Nahrung sucht. Da jedes Tier seinen eigenen Brutrhythmus hat, sind Kolonien von Gabelschwanzmöwen nie vollständig verlassen. Sie brüten alle neun Monate, ihr Nachwuchs wird nach zwei bis drei Monaten flügge. Danach fliegen die Möwen fast tausend Kilometer weit vor die Küste Perus, bevor sie wieder zur nächsten Brut nach Galapagos zurückkehren. Sie ziehen dabei entlang des Humboldtstroms – einer Kaltwasserströmung aus der Antarktis, die nährstoffreiches Tiefenwasser vor der Westküste Südamerikas an die Oberfläche fördert und Richtung Westen transportiert. 

Dass Gabelschwanzmöwen ganz besondere Möwen sind, war Sebastián Cruz schon als Kind klar. Er ist auf den Galapagos-inseln aufgewachsen und lebt mit seiner Familie auf der Insel Santa Cruz. In einem Artikel von BBC Wildlife schwärmt er von einer Jugenderinnerung, in der „geisterhafte weiße Gestalten“ in einer „frischen Nachtbrise“ segeln, dann plötzlich abtauchen und wieder aufsteigen. Seit Erlebnissen wie diesen hat sich Cruz ganz den geheimnisvollen Vögeln verschrieben. Kamran Safi wiederum hatte sich zuvor mit dem Verhalten von Fledermäusen befasst. Als Gruppenleiter am Institut erforscht er nun den Vogelflug und war von den nachtaktiven Möwen fasziniert.

Thermik bei Nacht

Cruz und Safi haben untersucht, wie Gabelschwanzmöwen auf ihren nächtlichen Flügen mit ihrer Energie haushalten. Die Messdaten der Sender zeigen zum ersten Mal, dass die Vögel die Thermik über dem Wasser ausnutzen: nachts kühlt die Luft stärker ab als das Meer. Das Wasser gibt die Wärme an die Luft ab, wobei diese dann nach oben steigt und die Möwen mitzieht. „Die Thermik über dem Meer hat sich als entscheidend für die Segelkünste der Vögel herausgestellt. Ohne sie könnten die Vögel nicht so große Distanzen zurücklegen“, so Safi. Wie die Vögel dagegen auf der Jagd mit den Aufwinden umgehen, wissen die Forscher noch nicht. Da stören sie eher, denn die Gabelschwanzmöwen müssen nahe der Wasseroberfläche bleiben, damit sie ihre Beute ausmachen und fangen können.

Auf ihren Jagdflügen nutzen die Möwen auch andere Winde sehr effizient. Safi deutet auf Linien auf seinem Bildschirm. Sie zeigen die Flugrouten der Möwen, die von Española in derselben Richtung aufs Meer führen. Hier und da bricht eine Linie plötzlich ab, wenn die Batterie des Sensors den Geist aufgibt. Die meisten sind aber über hundert Kilometer lang. „Sie fliegen häufig gegen den Wind hinaus aufs Meer. Auf dem Rückweg – wenn sie den Kropf voller Nahrung für ihren Nachwuchs haben und nach der Jagd müde sind – haben sie dann den Wind im Rücken“, erklärt Safi.

Lichtempfindliche Augen

Auf der nächtlichen Jagd verlassen sich die Vögel auf ihre großen, lichtempfindlichen Augen. Eine Gewebeschicht hinter der Netzhaut wirft einfallendes Licht zurück. Das sogenannte Tapetum lucidum sorgt dafür, dass Licht, das die Lichtsinneszellen verfehlt hat, reflektiert und erneut auf die Netzhaut gelenkt wird. Ihre Augen leuchten deshalb wie die von Katzen in der Dunkelheit. Außerdem könnten die Möwen das schwache Licht wahrnehmen, das manche Meerestiere, wie die von ihnen besonders geschätzten Tintenfische, im Dunkeln aussenden. Die Sender, mit denen Cruz und Safi die Gabelschwanzmöwen ausgestattet haben, zeichnen aber nicht nur die genaue Position der Vögel auf. Sie nehmen auch Geräusche auf. Zum ersten Mal gibt es deshalb Tonaufnahmen aus dem nächtlichen Leben der Möwen. Damit wollen die Forscher der Frage auf den Grund gehen, wie die Tiere miteinander kommunizieren.

Auf Safis Bildschirm erscheint eine Tonspur. Aus dem Lautsprecher rauscht es. Aber da ist noch etwas: ein schnelles „flap, flap, flap, flap“. „Das ist der Flügelschlag“, sagt Safi. Man hört, wie der Vogel übers Meer fliegt und ins Wasser platscht, um Kalmare und Fische zu jagen. Dank der gleichzeitig aufgezeichneten Positions- und Zeitdaten kann der Wissenschaftler rekonstruieren, wann und wo das Tier gejagt hat. Kamran Safi spult vor. Der Vogel gibt einen knatternden Ruf von sich, dann bricht das Flügelschlagen ab: Der Vogel ist ins Meer getaucht. Safi vermutet, dass die Rufe nicht der räumlichen, sondern der sozialen Orientierung dienen. Zum Beispiel, um Artgenossen mitzuteilen: „Hier gibt es was zu fressen!“ Oder einfach, um Kontakt zu halten. Schließlich sieht man die Möwen oft in Gruppen jagen. Sebastián Cruz vertritt dagegen die Theorie, dass der Ruf der Orientierung im Dunkeln dienen könnte.

KI soll Bedeutung der Rufe entschlüsseln

Um die Funktion der Rufe zu entschlüsseln, setzen die Forscher auf KI. Sie trainieren den Algorithmus so, dass er Geräusche wie „ins Wasser klatschen“, „Flügelschlagen“, „Knattern“ und andere Rufe erkennt und in Kategorien einteilt. Aus den übrigen Daten, die der Sender aufgezeichnet hat, lässt sich schließen, was der Vogel im Moment des Rufens gemacht hat. Der Zusammenhang zwischen Ruf und Verhalten soll den Wissenschaftlern verraten, welche Funktion die Laute besitzen. Ließe sich die KI direkt in die Software der Sender integrieren, müssten nicht mehr viele Megabyte an Audiodaten gespeichert und ausgelesen werden. Die Sender könnten die Daten vielmehr direkt analysieren und die weniger umfangreichen Ergebnisse zusammen mit den Positionsdaten an die Forscher an Land senden. Dies hätte auch den Vorteil, dass die Vögel viel länger auf ihren Reisen über dem Ozean untersucht werden könnten. Der Energiehunger der KI macht Safi und Cruz aber noch einen Strich durch die Rechnung, denn Sender mit eingebauter KI würden so große Akkus benötigen, dass sie zu schwer für die Vögel wären.

So müssen die Wissenschaftler die Vögel am nächsten Tag erneut fangen und ihnen die Sender abnehmen, damit sie die großen Datenmengen auslesen können. „Scheu sind die Gabelschwanzmöwen wie alle Tiere auf Galapagos zwar nicht, aber sie haben ein gutes Gedächtnis und fliegen vor Menschen weg, die ihnen schon mal zu nahe gekommen sind“, sagt Safi. Außerdem ist es nicht so leicht, einen einzelnen Vogel in der riesigen Kolonie ausfindig zu machen. „Die ersten Male haben wir nicht bedacht, dass weiße Sender auf weißem Gefieder schwer zu erkennen sind. Wir haben die Sender daraufhin grün angemalt.“ Ein anderes Mal hat Sebastián Cruz bei dem Versuch, eine Möwe wieder einzufangen, auf den rutschigen Felsen den Halt verloren und ist auf einen Seelöwen gefallen. „Der ist aber unbeeindruckt, allerdings in seiner Ruhe gestört, weggerobbt“, erzählt Safi. Oft aber setzen sich die Wissenschaftler einfach mitten in die Kolonie mit Blick auf das Nest der Möwe und warten, bis „ihr“ Vogel mit dem Sender vorbeikommt.

Man fühlt sich in diesen Momenten als Teil der Kolonie. Das ist sehr meditativ.
Kamran Safi

El Niño wird stärker

Auf den ersten Blick erscheint das Leben der etwas über 30 000 Gabelschwanzmöwen auf den Galapagosinseln im Gleichgewicht. Aber bei genauerem Hinsehen lässt sich erkennen, dass auch dieses Vogelparadies immer stärker unter Druck gerät. So verlaufen die El-Niño-Ereignisse seit einiger Zeit immer heftiger. Das Phänomen taucht alle zwei bis sieben Jahre auf und kehrt die Wasser- und Luftströme in der Pazifikregion um. Im Westen Südamerikas regnet es dann mehr als sonst, in Südostasien ist es dagegen zu trocken. Der Ozean erwärmt sich, und das nährstoffreiche Tiefenwasser vor der Westküste Südamerikas kommt nicht mehr an die Oberfläche. Die Gabelschwanzmöwen und andere Arten verlieren dadurch ihre Nahrungsgrundlage. Tritt El Niño wie zuletzt immer häufiger und abrupter auf, haben die Arten keine Zeit mehr, sich zwischen den Ereignissen zu erholen. Für nur lokal vorkommende Arten wie die Gabelschwanzmöwe ist dies eine große Gefahr. Sie könnten aussterben. Die Population gibt Anlass zur Sorge, auch wenn sich der Bestandstrend wegen der nächtlichen Lebensweise und der langen Aufenthalte weit draußen auf dem Pazifik nur schwer verlässlich erfassen lässt.

Die Vögel wissen aber natürlich nicht, wo die Grenze verläuft, und jagen deshalb auch außerhalb des Schutzgebietes.
Kamran Safi

Neben dem Klimawandel setzt auch die Fischerei den Gabelschwanzmöwen zu. Zwar gehören die Gewässer rund um die Galapagosinseln zu einem der größten Meeresschutzgebiete der Erde.

Die Fischtrawler lassen eine im Kreis laufende Leine mit unzähligen Haken ins Wasser. Die Haken mit den Ködern laufen dabei wie auf einem Förderband auf der einen Seite hoch zur Wasseroberfläche und auf der anderen Seite wieder nach unten. Als unnützer Beifang werden die Möwen dann einfach wieder über Bord geworfen. Wie viele Vögel auf diese Weise ums Leben kommen, ist unbekannt.

Alle Gebiete, in denen sich die Möwen aufhalten, unter Schutz zu stellen, ist schwierig. Aber temporäre Schutzgebiete könnten eine Lösung sein. Die Fischerei wäre nur dann untersagt, wenn sich die Vögel darin aufhalten. Die Ergebnisse von Sebastián Cruz und Kamran Safi liefern das für solche Schutzmaßnahmen notwendige Wissen. Und was die Möwen schützt, ist gleichzeitig auch ein Beitrag zum Schutz der Ozeane.

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